Existentieller Exodus

Die Frage nach Gott wird in der Öffentlichkeit selten gestellt. Unter Kollegen und selbst innerhalb der Kirche scheint sie zu den Tabu-Themen zu gehören. Warum eigentlich ist es uns so peinlich über unseren Glauben zu sprechen?
Johannes Hartl, Theologie und Mitautor von Mission Manifest, geht dieser Tatsache auf den Grund und diagnostiziert unserer Gesellschaft einen erheblichen Realitätsverlust (S. 27). Dieser besteht darin, dass existentielle Themen wie Leiden, Tod, Moral, Ewigkeit und eben das eigene Verhältnis zu Gott nicht thematisiert werden. Den Hauptgrund sieht der Gründer des Augsburger Gebetshauses darin, dass der Mensch sich mit seinen Bedürfnissen am nächsten ist: „Unsere Zeit krankt an einem Kreisen des Menschen um sein Ego“ (S. 34). Auch die Kirchen hätten zu diesem Narzissmus kein Gegenprogramm parat.
Für Hartl ist die Frage nach Gott die allerwichtigste. Deshalb widmet er in seiner kritischen Bestandsaufnahme heutiger spiritueller Bedürfnislosigkeit Gott einen guten Teil seines Buches: Gott ist nicht nur allmächtig, heilig und ewig. Er ist ein Jemand, der „sich nicht nach Applaus sehnt, sondern nach Freunden“ (S. 88). Doch ist dieser Gott nicht über unsere von Leid, Kriegen und Atheismus geprägten Welt erhaben, er will uns nahe sein. Auch der Theodizee-Frage stellt sich Hartl mit einer Analyse der Buches Hiob. Dass Gott nicht „nett“ ist, haben andere Autoren auch geschrieben. Hartl ist noch radikaler was die Forderung an den Menschen angeht: Teilnahmslosigkeit, Desinteresse, Apathie… das sind keine adäquaten Antworten auf die Frage nach der Transzendenz, dem Jenseits, schließlich nach Gott.

Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten auf die Grundoption des Lebens zu reagieren, die meisterhaft Carlos Cardona beschrieben hat: Entweder man sagt Ja zu sich selbst oder eben zu Gott. Jeder Mensch trifft diese Entscheidung (wenn auch nicht immer durchweg konsequent…) zwischen Transzendenz und Immanenz. Bezeichnenderweise haben auch Edith Stein und Heidegger diese Frage in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen gestellt: So heißt das Hauptwerk Steins „Endliches und ewiges Sein“, während Heidegger sein zentrales Werk „Sein und Zeit“ nannte – zwei grundverschiedene Weisen die Existenz des Menschen zu konzipieren.

Worin besteht nun die adäquate Antwort auf die Frage nach Gott? In der Anbetung, so die zentrale Botschaft des Buches. Wenn sich jeder ehrlich danach fragte, für wen er im letzten lebe… für Leistung, Anerkennung, Macht… so sei er eigentlich nur wirklich zufrieden, wenn diese größte Sehnsucht des Herzens mit Gott gefüllt werde.

Hartl legt hier kein rein theoretisches Buchvor, sondern gibt mitunter auch praktische Tipps, wie die „kleine Übung“ (S.170), sich Gott durch Gebet mit den Psalmen zu nähern. Doch was er dem Leser wirklich ans Herz legen möchte ist, wirklich ernst zu machen: den existenziellen Exodus zu wagen, mit dem persönlichen Götzendienst zu brechen und sich beim Betreten des spirituellen Neulands von Gott überraschen zu lassen.

Johannes Hartl live:

Dr. Bergund Fuchs

Link: https://empfehlenswertes.wordpress.com/ 

 

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